70 Kabinette nehmen das Archiv gut auf

Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Die einstigen Fabrikationsräume von Salamander werden zum Grundbuchzentralarchiv des Landes.

Von Werner Waldner

Kornwestheim. Ehemalige Salamander-Beschäftigte werden ihren alten Arbeitsplatz nicht wiedererkennen. Wände sind herausgerissen, neue eingezogen worden. Aufzugschächte werden zubetoniert, Hochregallager verschwinden, lange Gänge – sie messen bis zu 150 Meter – entstehen. Rund 50 Bauarbeiter, angeführt von gleich drei Bauleitern, machen aus der Fabrikationsstätte für Schuhe das baden-württembergische Grundbuchzentralarchiv. Architekt Achim Westermann zeichnet für den Umbau verantwortlich.

Und der wiegelt ab. Nein, eine großartige Architektenleistung stecke nicht hinter dem Umbau. „Das ist hohe Ingenieurkunst“, sagt der 52-Jährige bescheiden. Gleichwohl: Die Idee vom „Raum im Raum“ stammt von ihm. In die einstigen Fabrikationshallen baut Westermann insgesamt 70 Kabinette für die Grundbücher ein – fensterlose Räume, deren Wände aus einem aufwändig hergestellten Gipskarton bestehen. Versorgungsleitungen und Technik für Heizung und Lüftung werden, so weit es geht, in die Gänge verbannt, die teilweise längs der Fensterfronten verlaufen. Ein defektes Wasserrohr beispielsweise kann so in dem Archiv keinen „Kollateralschaden“ anrichten, hofft Achim Westermann. Jedes Kabinett – so die Bezeichnung für die einzelnen Archivräume – misst exakt 198 Quadratmeter. Der Architekt will auf jeden Fall unter dem Grenzwert von 200 bleiben, um nicht weitere Auflagen erfüllen zu müssen.

Das Salamander-Areal ist für den 52-Jährigen Architekten die bisher größte Herausforderung in seinem Berufsleben. Eine Kaserne hat er zu einem Quartier mit 50 Wohnungen umgebaut, kleinere Denkmalprojekte verzeichnen die Auftragsbücher der vergangenen Jahre. Aber ein solches Areal mit 70 Loftwohnungen, mit Fitnessstudio, Parkhaus samt Supermarkt und einem riesigen Archiv auf knapp 20 000 Quadratmeter – das ist für Westermanns gerade einmal 12 Mitarbeiter starkes Büro eine enorme Aufgabe. „Da kann wohl nichts mehr drüber gehen“, mutmaßt der Architekt, der mindestens einmal in der Woche von Kassel, wo er sein Büro hat, nach Kornwestheim kommt, um sich über den Fortgang der Arbeiten zu informieren.

Die alten Salamander-Gemäuer bieten eine gute Grundlage für das Archiv, so Westermann. Die Böden sind stabil, können nahezu überall problemlos die schwere Aktenlast tragen. „Die Deckenlast ist mehr als ausreichend“, so der Architekt – auch für den rund 4,5 Tonnen schweren Bagger, der für die Abriss- und Aufbauarbeiten ins Innere des Gebäudes ins Obergeschoss gebracht werden musste. Der Bagger musste teilweise auseinander genommen werden, damit er in den eigens für den Transport verstärkten Aufzug passte. Sieht man von solchen Problemen ab, dann gestalten sich für Architekt Westermann die Arbeiten fast reibungslos. Größere Überraschungen seien bis dato ausgeblieben. Was aber auch daran liegen kann, dass sich die Eigentümer des Areals, die Immovation AG aus Kassel, die Immobilie ganz genau angeschaut haben. Westermann, der zum Immovations-Vorstand gehört: „Wir haben sehr gut recherchiert.“ Was den Architekten dann allerdings doch überrascht hat, das war die Menge der alten Möbel, die in dem Gebäude standen. 1600 Kubikmeter kamen zusammen und müssen entsorgt werden.

Um den Denkmalschützern, die beim Umbau ein gewichtiges Wort mitzureden haben, zu genügen, bleiben die Stützen im Inneren des Gebäudes erhalten, die Fenster werden zwar erneuert, behalten aber ihr Aussehen.

Die Bauarbeiten laufen nicht nur in den Bauten 2, 3 und 7, wo die 70 Kabinette im Laufe der nächsten fünf Jahre eingerichtet werden, auch in Bau 1 sind die Arbeiter kräftig zugange. Dort entstehen die Büros für die 60 Beschäftigten des Grundbucharchivs. Am anderen Ende der Baustelle wird die Anlieferzone für die Akten fertiggestellt. Das Archivgut, erzählt Westermann, werde zunächst in einen „Indoor-Safe“ verbracht, wo es entstaubt und gescannt werde. Erst später würden die Grundbücher per Lastenaufzug an ihren eigentlichen Bestimmungsort gebracht.

Pünktlich zum 31. Dezember 2011 will Immovation die ersten vier Kabinette dem Land übergeben. Westermann hat keine Zweifel, dass der Zeitplan eingehalten werden kann – auch wenn“s für den Laien überhaupt nicht danach aussieht. Im Jahr 2012 werden die Archivare dann ihre Arbeit aufnehmen – und sich überhaupt nicht vorstellen können, dass in diesen Räumlichkeiten einmal Schuhe produziert worden sind.

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STZ, 20.09.2011